• Immanuel Albertinen Diakonie

Was brauchen Geflüchtete, um gut in Deutschland anzukommen? Was müsste sich ändern, damit ihre vielen Kompetenzen erkannt und genutzt werden? Ein Interview mit Karoline Wagner, Heimleiterin und Sozialarbeiterin in der Gemeinsamen Unterkunft Breitungen der Immanuel Diakonie Südthüringen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen.

Dort sowie in vier weiteren Gemeinsamen Unterkünften und diversen einzelnen Wohnungen betreut die Immanuel Diakonie Südthüringen im Auftrag des Landkreises seit 2016 Geflüchtete. In Breitungen sind derzeit rund 100 Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Makedonien untergebracht.

Geflüchtete Menschen müssen in Deutschland viele bürokratische Hürden überwinden. Was würde das Leben für sie einfacher machen, was würde helfen, damit die Menschen besser und schneller in der Gesellschaft ankommen können?

Der Schlüssel zur Integration ist die Sprache. Um Zugang zur Sprache zu bekommen, ist es wichtig, dass die Erwachsenen möglichst schnell in den Sprachkurs und die Kinder möglichst schnell in die Schule kommen. Das krankt aber an den sehr, sehr vollen Klassen in den Schulen in der Region. Manchmal dauert es vier-fünf Monate, bis die Kinder in die Schule gehen können, obwohl auch für sie eigentlich die Schulpflicht besteht.

Ich habe auch Jugendliche dabei, die sind letztes Jahr im Juni gekommen, also vor einem Jahr, die dürfen eine DAZ-Klasse besuchen – Deutsch als Zweitsprache –, aber immer noch keine reguläre Schule. Die einzige Schule im Einzugsgebiet sagt, die Klassenstufe 9 ist total übervoll. Die Kinder werden dann teils zurückgestuft in die Klasse 8. Sie können bis zu drei Jahren zurückgestuft werden.

Um den Familien helfen zu können, im deutschen System anzukommen, brauchen wir wenigstens eine Person in der Familie, die der Sprache mächtig ist. Das sind häufig die Kinder. Es ist natürlich schwierig, wenn wir die Kinder für alles verantwortlich machen und sie als Dolmetscher nehmen für Themen, die eigentlich Aufgabe von Erwachsenen sind. Aber wir brauchen eine Person, die lesen, schreiben und kommunizieren kann. Wir können zwar vom Land finanzierte Übersetzungsdienste telefonisch anfragen, aber das reicht nicht für alle Bereiche.

Unser Problem ist, dass wir eine Durchgangsstation sind, wir wissen nicht, wie lange die Geflüchteten in unserer Einrichtung sind – manche sind nur vier Wochen hier, andere bis zu zweieinhalb Jahren. In dieser Zeit versuchen wir den Menschen so viele Werkzeuge wie möglich an die Hand zu geben und ihnen die Struktur zu vermitteln, die wir hier haben. Strukturell ist Deutschland sehr schwierig. Je nachdem, wo die Menschen vorher gelebt haben, erfassen sie das System schneller oder schwerer. Wer vorher in einer Stadt gewohnt hat, der selbst vielleicht studiert hat, der ein Schulsystem kennt, das ähnlich aufgebaut ist, der kann hier viel besser andocken. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit Erfahrung. Wer aus einem Bergdorf mit einer regionalen Verwaltung kommt, der ist eher gewohnt, dass ihm jemand sagt, wo er hingehen und was er tun muss.

Was hilft den Menschen, sich in der neuen Struktur zurechtzufinden?

Was den Menschen sehr hilft ist, wenn wir mit ihnen einen Plan machen, der darstellt, wo sie zum Zeitpunkt ihrer Ankunft stehen, wo sie hinwollen und welche Stationen dazwischen liegen. Sei es Krankenversicherung, Anmeldung in den Schulen, bei Sprach- und Integrationskursen oder die Erstbegleitung und Anmeldung bei Ärzten. Wir sind auch die ersten Ansprechpartner, wenn Menschen abgelehnt werden. Wir nehmen uns zwischendurch immer wieder Zeit, um zu besprechen, wie weit sie schon gekommen sind.

Was ist besonders herausfordernd für die Menschen in den Unterkünften?

Was die Leute richtig fertig macht, ist das Warten. Die Menschen werden dadurch auch krank. Wie jemand, der aus dem vollen Berufsleben aus dem Hamsterrad aussteigt. Auf der Flucht sind sie auf einem sehr hohen Adrenalinspiegel, häufig auch in Lebendgefahr, und urplötzlich werden sie gestoppt und können nichts machen. Dann meldet sich der Körper, der die ganze Zeit auf Verschleiß gefahren ist. Das geht auch den Kindern so. Die haben Wachstumsschmerzen, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen mit ungeklärter Ursache.

Was könnte die Situation verbessern?

Wenn die Leute arbeiten dürften. Das würde der ganzen Familie helfen. Das hilft beim Sprachelernen, das hilft, sich hier zu integrieren. Man lernt die Kultur nicht aus Büchern kennen. Das geht uns genauso. Ich kann 20 Reiseführer lesen, aber ich lerne das Land erst kennen, wenn ich dort bin, Leute treffe, mit ihnen Essen gehe, mit ihnen spreche und den Alltag mit ihnen teile.

Die Kinder, die wir betreuen, die stehen so ein bisschen am Rand. Sie beobachten die Gleichaltrigen. Und dann fange sie an, sie zu imitieren, die Sprache, die Kleidung, die Bewegung. Manchmal nutzen andere Kinder das aus und machen sich über sie lustig. Einige der geflüchteten Kinder sind schon in zwei-drei anderen Ländern gewesen. Sie wissen, dass ihr Verhalten anders ist, aber sie haben keinen Fahrplan, wie sie sich anpassen sollen. Wer selbst als Kind nur mal in eine andere Region in eine neue Schule gewechselt ist, weiß, wie schwer das ist. Gleichzeitig sind die Kinder die ersten, die im neuen Land einen Fuß in die Tür kriegen.

Die einzigen, die wirklich ganz aktiv Integration machen, sind die Vereine. Meist sind es Fußballvereine, über die die Kinder die Sprache lernen, erste Freunde finden, aber auch über die Schule. Darüber lernen sich teilweise auch die Eltern kennen. Dann gehen die Integration und das Erlernen der Sprache schnell.

Wir können Sie die Familien bei der Integration unterstützen?

Wir fungieren als Kontaktstelle und vermitteln zwischen den Familien und den Schulen und den Vereinen. Wir erklären den Leuten, was sie für Rechte haben, welche Anträge sie wann stellen müssen. Wir helfen bei den Anträgen und helfen ihnen zu verstehen, wie das System funktioniert, damit sie innerhalb eines Jahres lernen, das selbst hinzukriegen. Das ist eine unglaubliche Herausforderung für die Familien. Für uns ist die Herausforderung, nicht zu viel zu helfen, weil das schneller geht, sondern die Leute zu befähigen, das selbst zu tun.

Wenn Sie eine Sache im System ändern könnten, was wäre das?

Die Anerkennung der Berufsabschlüsse und der Schulabschlüsse. Es wird sich immer sehr stark darauf konzentriert, was die Menschen alles nicht mitbringen, ob da irgendwo ein Bausteinchen fehlt. Gesehen wird nicht, was sie stattdessen für Kompetenzen haben. Wir haben viersprachige zwölfjährige Kinder in der Unterkunft. Ich erlebe auch, dass das Sozialverhalten der Kinder aus Syrien und Afghanistan, die wir begleiten, sehr hoch ausgeprägt ist. Ich habe hier 17-Jährige, die sich kein bisschen scheuen, einen ganzen Nachmittag mit dem zweijährigen Kind einer anderen Familie zu spielen, damit die Eltern entlastet sind. Trotz aller Konflikte, die es auf so engem Raum auch mal gibt, herrscht unter den Familien eine ganz große Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Hier geht kein Kind hungrig zu Bett, selbst wenn die eigenen Eltern noch unterwegs sind. Ich habe hier Hausaufgabengruppen, die Kinder aus fünf verschiedenen Nationen selbst gebildet haben. Ich würde mir wünschen, dass diese Kompetenzen gesehen werden. Was bringen die Kinder und Erwachsenen alles mit und nicht: was fehlt?