Neben der Präsenz-Veranstaltung auf Langeoog, haben Sie 2023 die Möglichkeit exklusiv die 5 Hauptvorträge von Montag bis Donnerstag als Video-Aufzeichnung zu buchen. Die Vorträge werden live auf Langeoog aufgezeichnet. Diese stehen Ihnen ab dem 20.06.2023 bis zum 30.11.2023 On-Demand zur Verfügung.

Alle Teilnehmende, die sich für die Präsenz-Tagung anmelden, bekommen kostenfrei Zugang zu den Video-Aufzeichnung. Eine gesonderte Anmeldung ist in diesem Fall nicht notwendig.

Weltanschauung im Behandlungsraum

Dr. rer. med. habil. Martin Altmeyer
(Montag)

Fragen der Intersubjektivität in der modernen Psychoanalyse

Die intersubjektive Wende hat inzwischen sämtliche Strömungen im psychoanalytischen Pluralismus erreicht. Das gilt für Metatheorie und Entwicklungspsychologie ebenso wie für klinische Konzep te. Stets wird der Mensch als soziales Wesen begriffen, bei dem Trieb- und Beziehungsdynamik einander ergänzen oder in Konflikt miteinander geraten können. Der oder die Andere wird nicht nur als bloßes Objekt von Bedürfnissen, Wünschen und Phantasien begrif fen, sondern seinerseits - bewusst oder unbewusst - als Subjekt, auf dessen Zuwendung, Resonanz, Anerkennung und Liebe das Selbst von Geburt an angewiesen ist und bis ins hohe Alter bleibt: Subjektivität setzt Intersubjektivität voraus. Worin sich die Schulen allerdings nach wie vor unterscheiden, ist ihr Verhältnis zur objektiven Wirklich keit. Wir entwickeln nämlich nicht nur eine Beziehung zu uns selbst und zu anderen Menschen, sondern auch eine zur äußeren Realität, zur Lebenswelt, die uns umgibt. Erst im Beziehungsdreieck von Subjektivität, Intersubjektivität und Objektivität entsteht das, was wir Identität nennen. Dieser unauflösliche Zusammenhang wird am Beispiel gegenwärtiger Weltkrisen beleuchtet, die zunehmend auch in die Psychotherapie hineinspielen: die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine und der Klimawandel.

Systemtheorie und Psychodynamik

Dr. sc. hum. Dipl.-Psych. Corina Aguilar-Raab
(Dienstag)

Widerspruch oder zukunftsweisendes Synergiepotential?

Es existiert nicht „die“ Systemtheorie, jedoch werden im Rahmen systemtheoretischer Überlegungen ausgehend von Systemdefinitionen wie das System „Psyche“ oder das soziale System „Familie“ Versuche unternommen, anhand übergeordneter Systemeigenschaften Erleben, Verhalten und das jeweilige Veränderungspotential zu verstehen und zu erklären. Daher werden systemtheoretische Ansätze häufig als Meta-Modelle bzw. -Theorien aufgefasst, die nicht zwangsläufig in ganz bestimmte therapeutische Haltungen, Methoden und Techniken übersetzt werden „müssen“ - oder vielleicht doch? Die Bedeutung vom Relationalem, der Kontextualität, der Dynamik und der vertikalen und horizontalen Organisation von Systemelementen in sich ausbildenden Strukturen, die ihrerseits „Verhalten“ determinieren, sind hierbei die Triebfeder der Wirkhorizonts verschiedener Systeme oder Systemebenen. In diesem Vortrag - und vertiefend im Seminar - werden systemtheoretische Grundgedanken eingeführt. Möglichkeiten und Grenzen einer Verknüpfung mit psychodynamischen Ansätzen werden skizziert und im Hinblick auf therapeutisch-praktische Aspekte kritisch diskutiert.

Psychosenpsychotherapie: Wirksamkeit und Werkzeuge

Prof. Dr. med. Dorothea von Haebler
(Mittwoch)

Welchem Strom ist die Psychosenpsychotherapie gefolgt und wohin kann sie führen?

In der Tradition der Psychosenpsychotherapie gab es Herausforderungen, die beinahe zu ihrem Verschwinden führten. Überfällig war die Anerkennung ihrer Indikation in der Psychotherapierichtlinie (2014) und der Einzug der Psychotherapieindikation zu jedem Zeitpunkt und bei jedem Schweregrad einer Psychose in die Leitlinie (2019). Was fehlt, sind Psychotherapeut:innen für Menschen, die unter Psychosen leiden. Während die kognitive Verhaltenstherapie evidenzbasiert forschte, fehlt dies in der psychodynamischen Psychosentherapie. Die notwendigen Modifikationen des Verfahrens und erste Ergebnisse einer Wirksamkeitsstudie MPP-S (modifizierte psychodynamische Psychotherapie von Menschen mit Schizophrenien) werden im Vortrag vorgestellt. Die Studie bildet den Anschluss der psychodynamischen Verfahren an die evidenzbasierte Forschung. Die Ergebnisse und Fallbeispiele verdeutlichen die Möglichkeit einer wirksamen psychodynamischen Psychotherapie für die psychiatrisch häufig besonders schwer oder komplex erkrankten Menschen. Die Methode muss also verbreitet, systemimmanente Brüche überbrückt, Selbst- und Fremdstigmatisierungen verringert und durch gruppenpsychotherapeutische Angebote der großen Anzahl von Menschen mit Psychosen ein Zugang zur Psychotherapie ermöglicht werden.

„Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ wiedergelesen

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Christine Kirchhof
(Mittwoch Abend)

Die zwei Essays „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ schrieb Sigmund Freud 1915 anlässlich des Ausbruchs des ersten Weltkrieges. Erschüttert von der kollektiven Rückkehr zu archaischen Verhaltensformen in der Realität und von der eigenen, anfänglichen Kriegsbegeisterung, versucht er das Phänomen theoretisch zu erfassen. Der Text behandelt nicht nur den Krieg im Verhältnis zu Kultur, die Frage nach der Verhinderung einer solchen kollektiven Regression, den ihr zugrundeliegenden Affekten, sondern sie befasst sich auch mit der Zeitlichkeit des Psychischen und der Vergänglichkeit.

Der Vortrag gibt einen einführenden Überblick über Freuds Arbeit und stellt sie in den Kontext seiner kulturtheoretischen Überlegungen. Diskutiert wird, inwiefern „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ nach wie vor aktuell ist. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie eine Auseinandersetzung mit Freuds Arbeit aus heutiger Perspektive helfen kann, die gegenwärtige, von Krieg und Krisen geprägte gesellschaftliche Situation und die damit verbundenen Affekte psychoanalytisch zu reflektieren.

Input aus der Queer Theory?!

Dipl. Psych. Almut Rudolf-Petersen
(Donnerstag)

Anregungen für die psychodynamische Theorie und Praxis

Psychoanalytische Theorien treffen in den letzten Jahren vermehrt auf queertheoretisches Denken. Bei der Queer Theory handelt es sich weniger um eine in sich geschlossene Theorie, als vielmehr »um eine Haltung, um ein Fort- und Umschreiben, ein Ausstreuen«, wie es die Psychoanalytikerin Esther Hutfless beschreibt. Durch das Potential der Queer Theory, Normalität zu dekonstruieren, hat sie Berührungspunkte mit der psychoanalytischen Theorie, die die Trennung von normal und krank von Anfang an in Frage gestellt hat. Aber die Queer Theory dekonstruiert auch Selbstverständlichkeiten unseres abendländischen Denkens, die bisher nur von wenigen Psychoanalytiker: innen hinterfragt werden, wie z.B. die Binarität von Mann und Frau, reif und unreif, homosexuell und heterosexuell oder auch Konzepte wie Wahrheit, Identität, Autonomie und Eindeutigkeit. Im Vortrag wird die Frage aufgeworfen, ob die psychoanalytische Theorie und Praxis von queertheoretischem Denken profitieren kann. Und diese Frage wird bejaht: Die Psychoanalyse ist dazu angetreten, Normalität zu hinterfragen und kann sich ihrerseits immer wieder befragen lassen, ob einige ihrer Konzepte heteronormativ und essentialistisch sind. Und, wo nicht bereits geschehen, kann sie diese reformulieren.