Die Vormittagsseminare finden Montag bis Donnerstag jeweils 11.30 bis 13.00 Uhr statt.

Die Teilnehmerzahl je Seminar ist auf max. 15 begrenzt.

Für die vollständige Teilnahme an den Vormittags-Seminaren erhalten Sie insgesamt 8 Fortbildungspunkte.

V01 - Vertiefungsseminar

Prof. Dr. phil. Cord Benecke

Diskussion mit den Vortragenden der Hauptvorträge vom Vormittag

In diesem Seminar werden von Montag bis Donnerstag die Hauptvorträge gemeinsam mit den Vortragenden und dem Seminarleiter aufgegriffen und diskutiert. Sie haben somit die Möglichkeit, die Diskussion über die vorgestellten Strömungen der Psychoanalyse mit den Vortragenden zu vertiefen und zu diskutieren. Intersubjektivität, Geschlechtsorientierung, Neuropsychoanalyse, Systemtheorie und Psychosenpsychotherapie sind damit die Bereiche, die kompetent hinsichtlich ihres historischen „Woher“ als auch eines „Wohin“, im Sinne der Entwicklung von Verstehen und Behandeln, bearbeitet werden.

Neben der Klärung und Vertiefung inhaltlicher Fragen, die sich aus dem Hauptvortrag ergeben haben, soll es vor allem die Möglichkeit geben, die Relevanz für die tägliche Praxis zu erörtern und eine Brücke zu klinischen Fragestellungen der Teilnehmenden zu bauen. Auf diese Weise nehmen Sie am zentralen Diskurs der Psychodynamischen Tage teil.

Prof. Dr. phil. Cord Benecke bietet auch ein Nachmittagsseminar an.

V02 - Mentalisieren in der Einzel- und Gruppentherapie

PD Dr. med. Carola Bindt
Dr. med. Claas Happach

Praxisnahe Einführung in die MBT mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Die Mentalisierungsbasierte Psychotherapie (MBT) wurde zuerst an Patient:innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen entwickelt und beforscht. Im Unterschied zu anderen psychodynamischen Verfahren liegt ihr Fokus nicht auf unbewussten Konflikten, sondern auf der detaillierten Exploration von Zuständen im eigenen Inneren und dem der Anderen, die gemeinsam mit der Therapeut:in identifiziert, in ihrer aktuellen Entstehung entschlüsselt und reflektiert werden. Der Anwendungsbereich der MBT umfasst u.a. Jugendliche und Jungerwachsene mit acting-out, dissoziativem Erleben, selbstverletzendem Verhalten, Suizidalität und Essstörungen (MBT-A) sowie auch Gruppenbehandlungen. Im Kurs werden eingangs die Grundlagen des Konzepts und der therapeutischen Haltung referiert und mit Film- und Fallmaterial veranschaulicht. Spezifische Techniken und Tools in der mentalisierungsfördernden Arbeit werden erläutert und können im Rollenspiel erprobt werden. Das Seminar richtet sich vor allem an Psychotherapeut:innen, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten. Fallbeispiele der Teilnehmenden sind willkommen!

V03 - Der Strom des Erzählens

Prof. em. Dr. phil. Brigitte Boothe

Narrativität der Psychotherapie

„Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide“, so heißt es in Goethes „Torquato Tasso“. Nicht nur Götter, auch Psychotherapeuten helfen dabei, für Betroffene und mit Betroffenen eine Sprache zu finden, in der leidvolle Erfahrungen nicht nur artikuliert werden können, sondern die auch für Bearbeitung und Veränderung offen sind. Es ist das Erzählen, es ist auch das Zuhören, das Weitererzählen und Neuerzählen, das kuratives Verstehen und Veränderung ermöglicht.

Wir unternehmen eine Expedition in den Kontinent des Erzählens; wir fragen, wie Erzähldynamik und Psychodynamik zusammenhängen, wie Trauma-Erzählungen, wie sich zum Beispiel Angst, Trauer, Scham oder Schuldgefühl vermitteln oder wie Depression, Narzissmus, Ödipalität im Erzählgeschehen anschaulich wird.

Wir arbeiten mit praktischen Beispielen. Bringen Sie Erzählungen von Patienten mit, möglichst wortgetreu notiert. Und - wie ist Ihre eigene Erfahrung als Erzähler und Erzählerin? Erzählen Sie in schriftlicher Kurzform - von einer Patientin oder einem Patienten und lassen Sie uns gemeinsam darüber reflektieren!

V04 - Neue (Geschlechts-) Identitäten in der Adoleszenz

Franziska Breu, M.Sc.
Dipl.-Psych. Saskia Fahrenkrug

Transitionen, Detransitionen und Identitätssuche über den Körper

Wir möchten uns in dem Seminar mit den zahlenmäßig immer weiter zunehmenden Phänomenen der episodischen oder langfristigen Geschlechtsdysphorie beschäftigen, die ihren Beginn in der frühen Adoleszenz nehmen und von derzeit überwiegend weiblichen Jugendlichen berichtet werden. Diese sollen klinisch differentialdiagnostisch und behandlungspraktisch abgegrenzt werden von den „klassischen“ Transentwicklungen, und im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklungen sowie ihrem Bezug zu Konzepten der adoleszenten Identitätsentwicklung vertiefend betrachtet werden. Neben einigen theoretischen Aspekten und dem Bezug zum Zeitgeschehen und den damit einhergehenden veränderten Ausdrucksformen der Jugendlichen, soll unser Zugang ein überwiegend klinischer sein, um ein tieferes Verständnis für die Nöte und Bedrängnisse dieser Jugendlichen zu ermöglichen. Eigene Fallvignetten und Behandlungserfahrungen von Seiten der Teilnehmer:innen, in denen „untypische“ Geschlechtsdysphorien aufgetaucht sind, sind ausdrücklich erwünscht.

V05 - Vier Tage

Dr. med. Dipl.-Soz.-wirt Christian Foth

Vier zentrale Konzepte der Psychoanalyse

An jedem Seminartermin wird ein zentrales Konzept der Psychoanalyse/ Psychotherapie aus unterschiedlichen Perspektiven im Zentrum stehen und kritisch diskutiert:

  1. Die psychoanalytische Metapsychologie
  2. Das Konzept des Unbewussten
  3. Das Konzept von Übertragung und Gegenübertragung
  4. Das Konzept des Traumas

Nach jeweils einer Einführung in das Thema soll anhand klinischen Materials und Erfahrungen der eigenen Behandlungstätigkeit, aus der jeweiligen theoretischen Positionierung der Seminarteilnehmenden eine kritische Diskussion der unterschiedlichen Perspektiven erfolgen. Fallsequenzen aus dem Kreis der Teilnehmenden sind sehr willkommen!

V06 - Gesund bleiben in einem „unmöglichen Beruf“

Dipl.-Psych. Victoria Gerdesmann
Dipl.-Psych. Carlotta Nord

Dem Erhalt der eigenen psychischen Gesundheit als Psychotherapeut: in sowie den besonderen Belastungen, die mit der psychotherapeutischen Tätigkeit einhergehen, wird sowohl in der Ausbildung als auch in der Literatur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Dies steht im Kontrast zu einer statistisch klar belegten, relevanten Gefahr, als Psychotherapeut:in psychische/psychosomatische Symptome zu entwickeln oder ernsthaft zu erkranken, was sich wiederum negativ auf die Arbeitsqualität auswirkt.

In unserem Seminar wollen wir einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu den berufsspezifischen Belastungen und Schutzfaktoren geben. Besondere Risikofaktoren verschiedener Phasen der Berufstätigkeit (Berufseinstieg, Einstieg in die Selbstständigkeit/Klinik, psychotherapeutisches Arbeiten nach vielen Jahren) sollen identifiziert und reflektiert werden. Beschäftigen werden wir uns weiter mit den Themen: Therapeutische Rolle, Sekundäre Traumatisierung und beruflicher Umgang mit eigenen kritischen Lebensereignissen.

Das Seminar ist kein Selbsterfahrungsseminar. Es wird aber durch kleine Übungen zur Selbstfürsorge/Regeneration begleitet werden.

V07 - Das verkörperte Selbst und seine Störungen

Prof. Dr. med. Peter Henningsen

Psychosomatische Krankheiten als Störungen des verkörperten Selbst

Das Konzept von psychosomatischen Krankheiten als Störungen des verkörperten Selbst wird im Seminar vorgestellt. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung des biopsychosozialen Modells, die einerseits den Aspekt von Subjektivität, Bedeutung und Beziehung fokussiert, andererseits auch moderne Konzepte der Hirnfunktion („predictive processing“) integriert. Körperbeschwerden als Störungen der Körperwahrnehmung oder Interozeption werden dabei regelhaft gemeinsam mit basalen und höherstufigen Veränderungen des Selbsterlebens, von Meinhaftigkeitserleben und Körperbild bis hin zur narrativen Identität und Bezogenheit, erfasst. Das Konzept lässt sich z.B. auf Krankheitsbilder wie funktionelle Körperbeschwerden, aber auch somatopsychische und Essstörungen anwenden. Die diagnostischen und therapeutischen Konsequenzen des Konzepts, z.B. im Sinne „verkörperter Diagnostik und Psychotherapie“, werden ausführlich besprochen.

Literatur: P. Henningsen, Allgemeine Psychosomatische Medizin - Krankheiten des verkörperten Selbst im 21. Jahrhundert. Springer 2021.

V08 - Strömungen und Turbulenzen - Körpererleben und Körperausdruck als Spiegel der Emotionen

Dr. med. Silke Kleinschmidt

An der Grenze zwischen Normalität und Krankheit

Gefühle bewegen uns buchstäblich unentwegt und zeigen sich bewusst oder auch unbewusst in allen Lebenslagen und auch in der therapeutischen Situation. Sie sind in der Regel von einem umfangreichen Spektrum an Körpersymptomen begleitet, die einen erheblichen Teil des Leidensdrucks im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen ausmachen. Es kann gezeigt werden, das körperliche Symptome durch Angst verursacht und selbst auch wieder Quelle für Angst werden können.

Körpersymptome können im Sinne von Affektäquivalenten der erste mögliche Zugang zu den dahinter liegenden Gefühlen sein und bringen ein vorerst nur vorsprachlich ausgedrücktes Thema in die Therapie ein. Der therapeutische Zugang ist über die Auswertung des Ausdruckgehaltes der Körpersymptome, des Beziehungsangebotes das damit gemacht wird und durch die Einfühlung in das körperliche Erleben des Patienten möglich. Der Kurs wird sich mit einigen theoretischen Grundlagen in Bezug auf Affekte, Angsterkrankungen und Körperausdruck beschäftigen, Begriffe klären und am Beispiel der Angsterkrankungen die therapeutischen Möglichkeiten eines körperbezogenen Zugangs im Rahmen der sprechenden Verfahren ausloten.

V09 - Geschwister

Dipl.-Psych. Ulrike Lilje

Wirkungen und Nebenwirkungen der potentiell längsten Beziehungen unseres Lebens

Die zunehmende Horizontalisierung gesellschaftlicher Beziehungen findet auch Niederschlag in den Strömungen der zeitgenössischen psychodynamischen Verstehens Ansätze. Hierzu gehört beispielsweise auch, dass heute der Geschwisterlinie eine eigene Dynamik zugestanden wird und Geschwisterobjekte nicht nur als Ersatzobjekte verstanden werden. Allerdings sind wir in unserem psychodynamischen Verständnis häufig noch eher mit der vertikalen Perspektive und dem Mutter-Vater-Kind Dreieck vertraut. Infolgedessen könnte der Einfluss der Geschwister auf die Entwicklung von Selbst- und Objektrepräsentanzen, Fähigkeiten zur Beziehungsregulation und Identität unserer Patient:innen zu wenig Beachtung finden. Auch wäre es möglich im psychotherapeutischen Behandlungsprozess Geschwisterübertragungen und – gegenübertragungen zu übersehen.

Das Seminar soll dazu beitragen, unsere Verständnismöglichkeiten um diese wichtige, horizontale Perspektive zu erweitern.

Hierzu werden Überlegungen und Erkenntnisse über Geschwister-Beziehungen sowie Fallvignetten dargestellt. Fallbeispiele der Teilnehmenden und durchaus auch der Austausch über die eigenen Geschwistererfahrungen, sind sehr willkommen.

V10 - Ängste und Angstentwicklung im Alter

Dipl.-Psych. Christiane Schrader

Zur Theorie und Praxis der Psychotherapie bei Ängsten im Alter

Michel Balint hielt die Frage, wovor hat der Patient Angst und wovor hat der Analytiker Angst für eine, die wir uns in jeder Sitzung stellen sollten. Ängste und Angststörungen und deren Bewältigung gehören neben den depressiven Reaktionen und Erkrankungen zu den gewissermaßen omnipräsenten Themen in der Psychotherapie – und insbesondere in der Psychotherapie im Alter. Wegen der zunehmenden Verletzlichkeit nehmen Ängste in der Regel im Alter zu, das Verhältnis von Realangst und neurotischen (psychotischen) Ängsten verändert sich, bisher abgewehrte und traumatische Ängste können aktualisiert werden. Von Phobien über Schuld- und Überich-Ängste sowie Trennungs- und Verlustängsten bis hin zu Ängsten vor Krankheit, Hilflosigkeit, Selbstverlust und Tod können auch im Alter alle Angstformen auftreten. Es geht keineswegs nur um die Angst und Abwehr von Todesangst, ein Topos, der in den frühen Arbeiten zur Psychotherapie und Psychoanalyse im Alter im Vordergrund stand. Berücksichtigt werden natürlich auch die Ängste von Therapeutinnen und Therapeuten in der Psychotherapie mit älteren und alten Menschen.

V11 - Körperströme

Dr. Michael Schödlbauer

Elektrifizierung der Schizophrenie

Muskeln werden durch Stromimpulse aus der Ferne kontrahiert, die Milz von Gamma-Strahlen geschädigt, Schleimhäute elektrisiert und Worte über Wellen eingespeist: Derart geplagt fragen sich Betroffene nach dem unsichtbaren Feind, seinem Motiv und seinen Mitteln. Psychopathologisch erkennt man in diesen Beschwerden typisch schizophrene Symptome: etwa Phänomene des „Gemachtwerdens“, der Leibeshalluzination bis zum Stimmenhören. Mit der Entdeckung elektrischer Ströme, der Verkabelung der Städte, der Kontinente, Erfindungen wie dem Telegraphen, kommt es zu einer „Elektrifizierung“ der Schizophrenie, der wir im Seminar psychiatriehistorisch und kasuistisch nachgehen wollen: Elektrifizierung zum einen im technischen Erklärungswahn, aber auch in medizinischen Techniken der Diagnostik (EEG) und Behandlung (Elektrokrampftherapie).

Wenn Betroffene in der schizophrenen Krise sagen, dass sie „unter Strom“ stehen, ist das keine bloße Metapher. Therapeutisch kann man versuchen, solche eingefleischten Konkretismen psychodynamisch in Fluss zu bekommen und mit dem Patienten zu verstehen, wo dieses verstörende Erleben herkommt, ob grenzüberschreitende Erfahrungen, Phantasien sich hier Ausdruck verschaffen. Wo Konkretismus war, kann Metapher werden.

V12 - Künstlerische Therapien

Prof. Dr. sc. mus. Gitta Strehlow

Handeln, Fühlen und Verstehen

Als künstlerische Therapien werden Therapieformen bezeichnet, die innerhalb einer therapeutischen Beziehung ein kreativ-künstlerisches Medium verwenden. Mit Blick auf das psychodynamische Verstehen werden im Seminar unterschiedliche Strömungen innerhalb der künstlerischen Therapien, wie die Kunst-, Musik und Tanztherapie vorgestellt.

Der Wechsel zwischen dem Handlungsdialog mit dem zur Verfügung gestellten Medium und der verbalen Reflexion ist bestimmend für das Geschehen in den künstlerischen Therapien. Die therapeutische Beziehung steht im Mittelpunkt, denn co-kreative Prozesse werden durch die Arbeit mit Bildern, Bewegungen oder Klängen angeregt. Mehrdeutigkeiten in den Künsten eröffnen Ausdrucksräume für innerseelische Prozesse. Das Erleben wechselnder Perspektiven sowie das individualisierende oder gemeinschaftliche Handeln sind zentrale Elemente in der Tanz-, Musik- und Kunsttherapie.

Das Seminar nähert sich den künstlerischen Therapien auf freie, spielerische Weise, indem Aspekte der psychodynamischen Musik-, Kunst- und Tanztherapie aktiv ausprobiert, reflektiert und mit theoretischem Wissen verbunden werden. Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der künstlerischen Therapien werden auf kreative Weise untersucht.

Es sind keine künstlerischen Vorkenntnisse erforderlich.

V13 - Ist das Leben noch „ein langer ruhiger Fluss“?

Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke

Therapeutische Anforderungen an eine veränderte Identitätsentwicklung

Das Seminar beschäftigt sich mit der verzögerten und qualitativ veränderten Identitätsentwicklung bei jungen Erwachsenen, aber auch Identitätsbrüchen im mittleren und höheren Erwachsenenalter und ihren Konsequenzen für die Behandlungstechnik. Wichtige diagnostische Unterscheidungen, wie die zwischen Identitätskrise, Identitätskonflikt (OPD) und Identitätsdiffusion, werden vorgestellt, die ein ganz unterschiedliches therapeutisches Vorgehen einschließen. Aber auch Besonderheiten wie die Instabilität des Settings wegen häufiger beruflicher/studienbedingter Wechsel, eine Erwartung an zu viel Unterstützung durch Therapeuten oder spezifische Abwehrformen etc. sind zu bedenken. Die Teilnehmer werden gebeten, Fallvignetten mitzubringen, damit wir konkret daran arbeiten können.