Die Hauptvorträge finden Montag bis Donnerstag jeweils von 09:30 bis 11:00 Uhr und am Freitag von 09.00 - 10:30 Uhr statt. Der Abendvortrag am Mittwoch startet ebenso wie der Filmabend am Dienstag um 20 Uhr.

Alle Vorträge (auch der Abendvortrag und der Filmabend) sind im Grundbetrag enthalten.

Für die vollständige Teilnahme an den Hauptvorträgen und dem Abendprogramm erhalten Sie insgesamt 14 Fortbildungspunkte.

Weltanschauung im Behandlungsraum

Dr. rer. med. habil. Martin Altmeyer
(Montag)

Fragen der Intersubjektivität in der modernen Psychoanalyse

Die intersubjektive Wende hat inzwischen sämtliche Strömungen im psychoanalytischen Pluralismus erreicht. Das gilt für Metatheorie und Entwicklungspsychologie ebenso wie für klinische Konzep te. Stets wird der Mensch als soziales Wesen begriffen, bei dem Trieb- und Beziehungsdynamik einander ergänzen oder in Konflikt miteinander geraten können. Der oder die Andere wird nicht nur als bloßes Objekt von Bedürfnissen, Wünschen und Phantasien begrif fen, sondern seinerseits - bewusst oder unbewusst - als Subjekt, auf dessen Zuwendung, Resonanz, Anerkennung und Liebe das Selbst von Geburt an angewiesen ist und bis ins hohe Alter bleibt: Subjektivität setzt Intersubjektivität voraus. Worin sich die Schulen allerdings nach wie vor unterscheiden, ist ihr Verhältnis zur objektiven Wirklich keit. Wir entwickeln nämlich nicht nur eine Beziehung zu uns selbst und zu anderen Menschen, sondern auch eine zur äußeren Realität, zur Lebenswelt, die uns umgibt. Erst im Beziehungsdreieck von Subjektivität, Intersubjektivität und Objektivität entsteht das, was wir Identität nennen. Dieser unauflösliche Zusammenhang wird am Beispiel gegenwärtiger Weltkrisen beleuchtet, die zunehmend auch in die Psychotherapie hineinspielen: die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine und der Klimawandel.

Systemtheorie und Psychodynamik

Dr. sc. hum. Dipl.-Psych. Corina Aguilar-Raab
(Dienstag)

Widerspruch oder zukunftsweisendes Synergiepotential?

Es existiert nicht „die“ Systemtheorie, jedoch werden im Rahmen systemtheoretischer Überlegungen ausgehend von Systemdefinitionen wie das System „Psyche“ oder das soziale System „Familie“ Versuche unternommen, anhand übergeordneter Systemeigenschaften Erleben, Verhalten und das jeweilige Veränderungspotential zu verstehen und zu erklären. Daher werden systemtheoretische Ansätze häufig als Meta-Modelle bzw. -Theorien aufgefasst, die nicht zwangsläufig in ganz bestimmte therapeutische Haltungen, Methoden und Techniken übersetzt werden „müssen“ - oder vielleicht doch? Die Bedeutung vom Relationalem, der Kontextualität, der Dynamik und der vertikalen und horizontalen Organisation von Systemelementen in sich ausbildenden Strukturen, die ihrerseits „Verhalten“ determinieren, sind hierbei die Triebfeder der Wirkhorizonts verschiedener Systeme oder Systemebenen. In diesem Vortrag - und vertiefend im Seminar - werden systemtheoretische Grundgedanken eingeführt. Möglichkeiten und Grenzen einer Verknüpfung mit psychodynamischen Ansätzen werden skizziert und im Hinblick auf therapeutisch-praktische Aspekte kritisch diskutiert.

Filmabend mit Diskussion

Prof. Dr. sc. mus. Gitta Strehlow
(Dienstag Abend)

Der Filmabend mit psychodynamischer Betrachtung widmet sich in diesem Jahr zum ersten Mal dem Musiktheater, genauer gesagt der Oper. Die Oper - ein musikalisches Werk - verbindet Musik, Gesang und szenische Handlung. Hören und Schauen als genussvolle, träumerische, nachdenkliche, vielleicht auch abweisende Erlebensform.

Mit quirligen, drängenden Strömungen aus der Tiefe des Rheins beginnt das ausgewählte Musikdrama. Gold liegt verborgen im Strom des Rheins, geht verloren und der Kampf der Götter und Riesen um den Ring aus Rhein-Gold beginnt.

Wiederholung und Überraschung, deren Spannungsverhältnis, die typischen Klangfarben eines romantischen Orchesters sind musikalische Aspekte, die dargeboten werden. Die zentralen menschliche Themen von Gier, Missgunst, Machtstreben, Selbstzerstörung und Liebe laden zu psychodynamischen Überlegungen ein. Im Wechsel werden Opernausschnitte und Betrachtungen zur Musik und Psychodynamik vorgestellt.

Psychosenpsychotherapie: Wirksamkeit und Werkzeuge

Prof. Dr. med. Dorothea von Haebler
(Mittwoch)

Welchem Strom ist die Psychosenpsychotherapie gefolgt und wohin kann sie führen?

In der Tradition der Psychosenpsychotherapie gab es Herausforderungen, die beinahe zu ihrem Verschwinden führten. Überfällig war die Anerkennung ihrer Indikation in der Psychotherapierichtlinie (2014) und der Einzug der Psychotherapieindikation zu jedem Zeitpunkt und bei jedem Schweregrad einer Psychose in die Leitlinie (2019). Was fehlt, sind Psychotherapeut:innen für Menschen, die unter Psychosen leiden. Während die kognitive Verhaltenstherapie evidenzbasiert forschte, fehlt dies in der psychodynamischen Psychosentherapie. Die notwendigen Modifikationen des Verfahrens und erste Ergebnisse einer Wirksamkeitsstudie MPP-S (modifizierte psychodynamische Psychotherapie von Menschen mit Schizophrenien) werden im Vortrag vorgestellt. Die Studie bildet den Anschluss der psychodynamischen Verfahren an die evidenzbasierte Forschung. Die Ergebnisse und Fallbeispiele verdeutlichen die Möglichkeit einer wirksamen psychodynamischen Psychotherapie für die psychiatrisch häufig besonders schwer oder komplex erkrankten Menschen. Die Methode muss also verbreitet, systemimmanente Brüche überbrückt, Selbst- und Fremdstigmatisierungen verringert und durch gruppenpsychotherapeutische Angebote der großen Anzahl von Menschen mit Psychosen ein Zugang zur Psychotherapie ermöglicht werden.

„Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ wiedergelesen

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Christine Kirchhof
(Mittwoch Abend)

Die zwei Essays „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ schrieb Sigmund Freud 1915 anlässlich des Ausbruchs des ersten Weltkrieges. Erschüttert von der kollektiven Rückkehr zu archaischen Verhaltensformen in der Realität und von der eigenen, anfänglichen Kriegsbegeisterung, versucht er das Phänomen theoretisch zu erfassen. Der Text behandelt nicht nur den Krieg im Verhältnis zu Kultur, die Frage nach der Verhinderung einer solchen kollektiven Regression, den ihr zugrundeliegenden Affekten, sondern sie befasst sich auch mit der Zeitlichkeit des Psychischen und der Vergänglichkeit.

Der Vortrag gibt einen einführenden Überblick über Freuds Arbeit und stellt sie in den Kontext seiner kulturtheoretischen Überlegungen. Diskutiert wird, inwiefern „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ nach wie vor aktuell ist. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie eine Auseinandersetzung mit Freuds Arbeit aus heutiger Perspektive helfen kann, die gegenwärtige, von Krieg und Krisen geprägte gesellschaftliche Situation und die damit verbundenen Affekte psychoanalytisch zu reflektieren.

Input aus der Queer Theory?!

Dipl. Psych. Almut Rudolf-Petersen
(Donnerstag)

Anregungen für die psychodynamische Theorie und Praxis

Psychoanalytische Theorien treffen in den letzten Jahren vermehrt auf queertheoretisches Denken. Bei der Queer Theory handelt es sich weniger um eine in sich geschlossene Theorie, als vielmehr »um eine Haltung, um ein Fort- und Umschreiben, ein Ausstreuen«, wie es die Psychoanalytikerin Esther Hutfless beschreibt. Durch das Potential der Queer Theory, Normalität zu dekonstruieren, hat sie Berührungspunkte mit der psychoanalytischen Theorie, die die Trennung von normal und krank von Anfang an in Frage gestellt hat. Aber die Queer Theory dekonstruiert auch Selbstverständlichkeiten unseres abendländischen Denkens, die bisher nur von wenigen Psychoanalytiker: innen hinterfragt werden, wie z.B. die Binarität von Mann und Frau, reif und unreif, homosexuell und heterosexuell oder auch Konzepte wie Wahrheit, Identität, Autonomie und Eindeutigkeit. Im Vortrag wird die Frage aufgeworfen, ob die psychoanalytische Theorie und Praxis von queertheoretischem Denken profitieren kann. Und diese Frage wird bejaht: Die Psychoanalyse ist dazu angetreten, Normalität zu hinterfragen und kann sich ihrerseits immer wieder befragen lassen, ob einige ihrer Konzepte heteronormativ und essentialistisch sind. Und, wo nicht bereits geschehen, kann sie diese reformulieren.

"Narben" im Gehirn

Prof. Dr. rer. nat. Christine Heim
(Freitag)

Effekte von Stress in frühen Lebensphasen auf das lebenslange Erkrankungsrisiko

Traumatische Erfahrungen im Kindesalter sind wichtige Risikofaktoren für das Auftreten psychiatrischer und körperlicher Erkrankungen im Erwachsenenalter. In retrospektiven Studien an Erwachsenen wurde gezeigt, dass frühe traumatische Erfahrungen mit grundlegenden Veränderungen in neuralen Schaltkreisen und peripheren Regulationssystemen assoziiert sind, welche einer Vulnerabilität für nachfolgenden Stress und einem gesteigerten Erkrankungsrisiko zugrunde liegen. Diese biologischen Veränderungen scheinen durch epigenetische Prozesse vermittelt und durch genetische Faktoren moderiert zu werden. Derzeitige Studien untersuchen die unmittelbaren Einbettungsprozesse, welche zu diesen langfristigen und ausgeprägten biologischen Veränderungen führen. Das Verständnis dieser Mechanismen liefert gezielte Ansatzpunkte für neue Interventionen sowie diagnostische Marker für die Vorhersage von individuellem Erkrankungsrisiko und Ansprechbarkeit auf spezifische Interventionen.