Die Vormittagsseminare finden Montag bis Donnerstag jeweils 11.30 bis 13.00 Uhr statt.

Die Teilnehmerzahl je Seminar ist auf max. 15 begrenzt.

Für die vollständige Teilnahme an den Vormittags-Seminaren erhalten Sie insgesamt 8 Fortbildungspunkte.

V01 Vertiefungsseminar

Prof. Dr. rer. soc. Hans-Jürgen Wirth

Diskussion mit den Vortragenden der Hauptvorträge vom Vormittag

Prof. Dr. rer. soc. Hans-Jürgen Wirth

In der Gruppe werden jeweils von Montag bis Donnerstag die Hauptvorträge gemeinsam mit den Vortragenden und den Seminarleiterinnen und Seminarleitern aufgegriffen und diskutiert.

Neben der Klärung und Vertiefung inhaltlicher Fragen, die sich aus dem Hauptvortrag ergeben haben, soll es vor allem die Möglichkeit geben, die Relevanz für die tägliche Praxis zu erörtern und eine Brücke zu klinischen Fragestellungen der Teilnehmenden zu bauen.

V02 Namenlose, paranoide und phobische Angst

Dr. phil. Michael Schödlbauer

Ein Affekt auf der Suche nach einem Objekt

Dr. phil. Michael Schödlbauer

Ich habe Angst: Ist Angst immer etwas, was das Ich hat, ist unser Ich die eigentliche Angststätte (Freud)? Was geschieht uns, wenn die Angst uns hat, uns überflutet? Es wird mir Angst: Topisch ausgedrückt gibt es Ängste, in denen das Ich als Struktur in Auflösung
begriffen ist. Hier bekommen wir es mit namenloser Angst zu tun. Paranoide Ängste lassen sich als Versuch verstehen, maßlose frühe Ängste zu begrenzen und über den gewähnten Verfolger als Objekt etwas vom Ich zu retten: Ich werde verfolgt, also bin ich.


Angefangen bei der Angst vor dem Zusammenbruch (Winnicott) über die paranoiden Ängste bis zu den Phobien geht das Seminar an klinischen Beispielen der Unterscheidung nach zwischen objektloser Angst und Furcht vor etwas (als Bindung der Angst an und  durch Objekte). Während die neurotische Phobie als reife Angststörung gilt, ist Furcht in der Philosophie Heideggers eine uneigentliche Befindlichkeit im Unterschied zur fundamentalen Angst. Frühe Ängste werfen existenziale, psychodynamische und  behandlungstechnische Fragen auf.

V03 Zwischenleibliche Kommunikation in der Therapie

Dr. Jörg M. Scharff

Angst und Neugier – der Leib als Unverfügbares

Dr. Jörg M. Scharff

Kommunikation im therapeutischen Raum ist immer auch eine zwischenleibliche. Das Verstehen der Vorgänge im analytischen Feld bedarf eines Sich-Einlassens auf deren leibliche Dimension und eines Erspürens der unmittelbaren sinnlichen Einwirkung aufeinander. Hier blicken die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut nicht objektivierend auf das Geschehen, sondernlassen sich von ihm leiblich ergreifen. Dem leiblichen Kommunikationsmodus eignet Unmittelbarkeit, Präsenz, Ganzheitlichkeit und in den meisten Fällen „Präreflexivität“ – doch verweist all dies zugleich auf eine Vielfalt von Bedeutungszusammenhängen, die analytisch in sorgfältiger Arbeit erschlossen werden wollen, um die „Szene“ und deren unbewusste Bedeutungen zu erfassen.

In diesem Seminar sollen über Theorie und praktische Übungen die Selbst- und Fremdwahrnehmung geschult werden, zum einen hinsichtlich des musikalischen Aspekts der sprachlichen Äußerungen (Ton, Rhythmus, Artikulation, Klang usw.), aber auch der  »Sprache des Leibes« mit seiner Gestik, Mimik, dem Gesamt seiner Bewegungs-Aura.


Vorbereitende Literatur: Jörg M. Scharff (2010): Die leibliche Dimension in der Psychoanalyse. Brandes&Apsel, Frankfurt. Ders. (2021): Psychoanalyse und Zwischenleiblichkeit. Klinisch-propädeutisches Seminar. Brandes&Apsel, Frankfurt.

V04 „Liebst Du mich noch?“

Dipl.-Psych. Sonja Beerbaum

Über gelingende und misslingende Verarbeitung von Ängsten in Liebesbeziehungen

Dipl.-Psych. Sonja Beerbaum

Mit diesem Seminar möchte ich den therapeutischen Diskurs anregen und Sie zum kollegialen Austausch einladen.

Wir werden zwei sehr unterschiedliche Angstthemen diskutieren und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, wie wir als Therapeutinnen und Therapeuten hilfreich sein können, wenn eine Erkrankung oder eine Affäre die Beziehung unserer Patientinnen und Patienten erschüttert hat.

Dieses Seminar soll durch Information und Austausch dazu beitragen, das innere Erleben der Beteiligten tiefergehend zu erfassen, um den emotionalen Dialog zwischen den Partnern auf eine neue Ebene heben zu können. Nach einleitenden Vorträgen meinerseits (Objektbeziehungs- und Bindungstheoretische Modelle; Ideen aus der Systemischen Therapie) möchte ich Ihre Fallvignetten diskutieren.

Ich lade Sie ein, sich innerlich den großen Themen Endlichkeit, Behinderung und Brüchigkeit von Lebensentwürfen zu nähern, die damit verbundenen Ängste und Vorurteile zu spüren und Ansätze der Integration zu diskutieren. Eingerahmt wird die 4-tägige  Veranstaltung von einem sorgfältigen Ankommen und Kennenlernen und Auswerten und Abschied nehmen.

V05 Angst und Bindung

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Strauß

Was man für die Angstbehandlung aus der Bindungsforschung lernen kann

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Strauß

Angst ist eine zentrale Emotion, die engstens mit der Aktivierung des Bindungssystems gekoppelt ist. Entsprechend liegt es nahe, Angstzustände bei Patientinnen und Patienten aus bindungstheoretischer Sicht zu reflektieren. Hierzu sollen die Teilnehmenden des  Seminars eine kurze Zusammenfassung der Grundlagen der Bindungstheorie erhalten und insbesondere neuere Entwicklungen, wie bspw. die auf der Bindungstheorie aufbauende Mentalisierungstheorie und die Theorie des epistemischen Vertrauens kennenlernen. Um dann, gerne auch basiert auf eigenen Fallbeispielen, Angst als Zustand und als psychische Störung im Zusammenhang mit entwicklungspsychopathologischen Betrachtungen im Kontext von Bindung besser verstehen zu können.

V06 Angst im Körpererleben und Körperausdruck

Dr. med. Silke Kleinschmidt

An der Grenze zwischen Normalität und Krankheit

Dr. med. Silke Kleinschmidt

Angst ist, wie andere Gefühle auch, in der Regel begleitet von einem umfangreichen Spektrum an Körpersymptomen, die einen erheblichen Teil des Leidensdrucks im Zusammenhang mit Angsterkrankungen verursachen und selbst auch wieder Quelle für Angst  darstellen können. Körpersymptome können im Sinne von Affektäquivalenten der erste mögliche Zugang zu den dahinter liegenden Gefühlen sein und bringen ein vorerst nur vorsprachlich ausgedrücktes Thema in die Therapie ein. Der therapeutische Zugang ist  über die Auswertung des Ausdruckgehaltes der Körpersymptome, des Beziehungsangebotes, das damit gemacht wird und durch die Einfühlung in das körperliche Erleben der Patientin bzw. des Patienten möglich.

Der Kurs wird sich mit einigen theoretischen Grundlagen in Bezug auf Affekte, Angsterkrankungen und Körperausdruck beschäftigen, Begriffe klären und an klinischen Beispielen die therapeutischen Möglichkeiten eines körperbezogenen Zugangs im Rahmen der sprechenden Verfahren ausloten.

V07 Gleichschwebende Aufmerksamkeit und Reverie

Dr. med. Andreas Sadjiroen

Was tut sich in mir und was tue ich (und warum) während einer Therapiesitzung?

Dr. med. Andreas Sadjiroen

Es lässt sich schlecht leugnen, dass wir mit gleichschwebender Aufmerksamkeit am deutlichsten in der Lage sind, persönliche Verwicklungen in Grenzen und unsere Sinne für das Auftauchen unbewusster Bedeutung offen zu halten. „Gegenübertragungs-  Kompetenz“, also die Fähigkeit zur Gegenübertragungsanalyse, gelingt am besten, wenn wir unser Ich auf dem Weg zur Selbstreflexion durch einen Zustand gleichschwebender Aufmerksamkeit haben gehen lassen. Gleiches gilt für die Reverie, deren Reflexion erst nach Ablösung  der Aufmerksamkeit von den regelhaft als unpassend und störend empfundenen „Träumereien“, „Abschweifungen“ oder „Körpersensationen“ möglich ist. Dies wird anhand von Stundenprotokollen behandlungstheoretisch diskutiert.

Bitte senden Sie eigene Protokollanmeldungen im Vorwege an praxis@sadjiroen.de.

V08 Psychotherapie in Krisenzeiten

Dr. med. Dipl. Sozwirt. Christian Foth

Wie gesellschaftliche Krisen psychotherapeutische Arbeit beeinflussen

Dr. med. Dipl. Sozwirt. Christian Foth

Der Begriff Krise bedeutet Bruch, die Krisis in der Medizin den Höhepunkt, an dem sich entscheidet, wie der Ausgang aus der Krise sein wird: Heilung oder Katastrophe. Damit verweist die Krise auf das fundamental Ungewisse der menschlichen Existenz. Versteht  man die Covid-19 Krise einerseits als ein objektives Ereignis, so verweist andererseits die subjektive Wahrnehmung wieder zurück auf uns und unsere Patientinnen und Patienten. Sie konfrontiert uns mit den eigenen Ängsten, Unsicherheiten und der Frage,  ob die Interpretation der Krise von eigenen (paranoiden) Ängsten geprägt sein mag, oder aber Verleugnung, Relativierung und andere Abwehrmechanismen im Vordergrund stehen. Kann die Krise nicht auch für Entwicklung, Kreativität und Produktivität  stehen? Oder ist das der blanke Zynismus in Anbetracht der Opfer?

Im Seminar können wir, als psychotherapeutisch tätige Professionals, als unmittelbar Betroffene u.a. über diese Fragen gemeinsam nachdenken. Von hoher Relevanz werden die aus der Krise resultierenden Konsequenzen für die psychotherapeutische Arbeit sein, und damit auch die gesellschaftlichen Veränderungen im Zusammenhang mit den Krisenentwicklungen in das Zentrum der Diskussionen rücken.

V09 Ängste und Angstentwicklung im Alter

Dipl.-Psych. Christiane Schrader

Zur Theorie und Praxis der Psychotherapie bei Ängsten im Alter

Dipl.-Psych. Christiane Schrader

Michel Balint hielt die Frage, wovor die Patientin bzw. der Patient Angst habe und wovor die Psychotherapeutin bzw. der Psychotherapeut, für eine, die wir uns in jeder Sitzung stellen sollten. Ängste und Angststörungen und deren Bewältigung gehören neben den  depressiven Reaktionen und Erkrankungen zu den gewissermaßen omnipräsenten Themen in der Psychotherapie - und insbesondere in der Psychotherapie im Alter. Wegen der zunehmenden Verletzlichkeit nehmen Ängste in der Regel im Alter zu, das Verhältnis  von Realangst und neurotischen (psychotischen) Ängsten verändert sich, bisher abgewehrte und traumatische Ängste können aktualisiert werden. Von Phobien über Schuld- und Überich-Ängste sowie Trennungs- und Verlustängste bis hin zu Ängsten vor Krankheit,  Hilflosigkeit, Selbstverlust und Tod, können auch im Alter alle Angstformen auftreten. Es geht keineswegs nur um die Angst und Abwehr von Todesangst, ein Topos, der in den frühen Arbeiten zur Psychotherapie und Psychoanalyse im Alter im Vordergrund stand.  Berücksichtigt werden natürlich auch die Ängste von Therapeutinnen und Therapeuten in der Psychotherapie mit älteren und alten Menschen.

V10 „Das Schlimmste war die Isolation“

Prof. Dr. phil. Urszula Martyniuk
Clemens Fobian

Sexualisierte Gewalt und ihre Folgen als Thema in der Psychotherapie

Prof. Dr. phil. Urszula Martyniuk | Clemens Fobian

„Ich glaub`, das Schlimmste war (...) die Isolation ... ich hab immer das Gefühl, eigentlich sind alle ganz weit weg von mir.“ (Gahleitner, 2005, S. 74). Dieses Gefühl teilen viele von sexualisierter Gewalt Betroffene und empfinden nicht selten auch im Rahmen einer  Therapie so. Das Seminar stattet Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit fundiertem Wissen über die Besonderheiten und Folgen sexualisierter Gewalt aus und ermutigt sie dazu, ihre Kompetenzen zu nutzen, um den Betroffenen einen Raum für ihre  Erfahrung zu geben. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, die einem offenen Umgang mit dem Thema in der Psychotherapie im Weg stehen, sowie Ressourcen und Gewinne, die daraus resultieren können, werden beleuchtet. Dabei liegt auch ein Augenmerk auf den  Besonderheiten männlicher Betroffenheit.

V11 Trauma und Angst

Silke Roschlaub

Durchbrechen des Reizschutzes und seine seelischen Auswirkungen

Silke Roschlaub

In diesem Seminar soll gemeinsam mit Ihnen die Beziehung von seelischem Trauma und Angst anhand ausgewählter anonymisierter Interviewabschnitte, die mit Zeitzeugen im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts „Zeitzeugen des Hamburger  Feuersturms (1943) und ihre Familien“ geführt wurden, untersucht werden. Ein Trauma ist als „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten“ definiert, was eine „dauerhafte Erschütterung  von Selbst-und Weltverständnis“ im Betroffenen auslöst. Angst definiert somit das Trauma und ist zugleich durch die Dissoziation seelischer Funktionsstrukturen dessen zerstörerische Folge: So die Angst, die desintegrierend überflutet und Symptome wie Intrusion,  Flashbacks und Hyperarousal als traumaspezifische Folgestörungen i.S. einer Schrankenstörung hervorruft, wo Trauma und Angst wiederkehrend in das Erleben einbrechen und auch die Angst, die sich einbrennt und die Erlebnis- und Resonanzhülle des Selbst alteriert  und „leise“ prägt.

V12 Entwicklungskrise oder krankheitswertige Störung?

Dr. phil. Helene Timmermann

Wie erkenne und diagnostiziere ich Angststörungen im Kindes- und Jugendalter?

Dr. phil. Helene Timmermann

Ängste im Kindes- und Jugendalter können sowohl Ausdruck einer Entwicklungskrise sein oder sich zu einem behandlungsbedürftigen krankheitswertigen Störungsbild entwickeln. Die Unterscheidung ist häufig nicht leicht zu treffen, vor allem, wenn es sich um  eine gravierende, lärmende Symptomatik handelt.

Die Methode des Szenischen Verstehens sowie die Nutzung der Achsen Konflikt, Struktur und Behandlungsvoraussetzungen der OPDKJ- 2 sind für die Erstellung von Diagnose und Indikation hilfreich. Ergänzend zur  aktuellen Psychodynamik soll vor dem Hintergrund der biografischen Anamnese und der Arbeit mit dem Genogramm auf mögliche transgenerationale Themen und Weitergaben eingegangen werden.

Im Seminar soll anhand von Beispielen aus der Praxis erörtert  werden, wann eine Behandlung indiziert ist. Dabei sind Fallsequenzen aus dem Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr willkommen.

V13 Mut zur Wahrheit

Dr. phil. Dipl.-Psych. Günter Gödde

Das Therapieziel Selbstsorge in der psychodynamischen Psychotherapie

Dr. phil. Dipl.-Psych. Günter Gödde

Der Workshop geht von therapeutischen Erfahrungen und kasuistischen Beispielen aus und zieht zur Interpretation Konzepte therapeutischer Lebenskunst heran. Den Ausgangspunkt bildet die Frage: Welche (existenziellen) Ängste hindern die Patientinnen und  Patienten und auch uns Therapeutinnen und Therapeuten daran, uns auf eine wirkliche Sorge um uns selbst einzulassen? Zur Beantwortung dieser Frage können wir auf psychodynamische Konzepte zurückgreifen und im Besonderen auf Nietzsches philosophisches  Konzept vom „Mut zur Wahrheit“ eingehen. Warum fehlt es so vielen Menschen an Mut zur Wahrheit als Voraussetzung für eine „Selbstsorge“, die diesen Namen verdient? Wie können wir die Fähigkeit unserer Patientinnen und Patienten zur Selbstsorge – trotz ihrer  Ängste und Widerstände – fördern und unseren eigenen Mut zur Wahrheit stärken? Der Workshop steht im Kontext meines Buches „Entwicklungslinien psychodynamischer Psychotherapie“ (2021) sowie meiner mit Jörg Zirfas verfassten Bücher „Therapeutik und  Lebenskunst“(2016) und „Therapieziel Selbstsorge“ (2021).