Die Hauptvorträge finden Montag bis Freitag jeweils 09.30 bis 11.00 Uhr statt.

Alle Vorträge (auch der Abendvortrag) sind im Grundbetrag enthalten.

Für die vollständige Teilnahme an den Hauptvorträgen erhalten Sie insgesamt 10 Fortbildungspunkte.

„Angst ist nicht gleich Angst“

Dipl.-Psych. Mathias Kohrs
Dr. phil. Dipl.-Psych. Annegret Boll-Klatt

Wie bereichern psychodynamische Angsttheorien unser therapeutisches Vorgehen?

Dipl.-Psych. Mathias Kohrs

Dr. phil. Dipl.-Psych. Annegret Boll-Klatt

Angst ist ein existenzielles menschliches Erleben. In Theorie und Praxis der  psychoanalytisch begründeten Therapieverfahren nimmt sie eine herausragende Rolle ein. Für Freud war „das Angstproblem ein Knotenpunkt“, und er schrieb der Angst eine „geradezu zentral zu nennende Stelle in den Fragen der Neurosenpsychologie“ zu. Mit einigen Erweiterungen hat diese Aussage über 100 Jahre später weiter Gültigkeit. Eine allgemeingültige psychoanalytische Theorie der Angst gibt es nicht, dafür aber einen reichhaltigen Schatz unterschiedlichster Angstkonzepte, deren Meilensteine wir im Vortrag aufgreifen. Reflexionen des klinischen Materials sowie der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung vor dem Hintergrund dieser Theorien und Konzepte lassen therapeutisch nutzbare Hypothesen entstehen, die eben nicht auf der Ebene des  Phänomenal-Deskriptiven der diagnostischen Glossare stehen bleiben, sondern uns zusammen mit unseren Patientinnen und Patienten Zugang zu den verborgenen unbewussten Ängsten finden lassen, um so die „Angst
hinter der Angst“ zu verstehen. Denn gerade hier liegt die Stärke der psychodynamischen Therapieverfahren, die es verdient, in der zunehmenden
Konkurrenz mit der Verhaltenstherapie, besonders auf dem Feld der Behandlung von Angststörungen, deutlich hervorgehoben zu werden.

Hypochondrie

Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernd Nissen

Überlegungen zur autistoiden Form der Hypochondrie

Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernd Nissen

Bei schwerer Hypochondrie werden frühe traumatische Ereignisse  eingekapselt. Werden diese Kapselinhalte freigesetzt, entsteht eine aktuale Dynamik, die das Selbst auflösend bedroht. Projektive Identifizierung versagt. Versuche, diese Elemente projektiv auszustoßen, leiten einen regressiven Zerfall ein, der so erlebt wird, als würde das Objekt die Projektion ihrer seelischen Reste entkleiden und den leblosen Rest zurückzwingen. Es wird so zu einem malignen Introjekt. Die finale  Reintrojektion bedroht dann das Selbst, das zur Rettung die Elemente in ein Organ verschiebt, das hypochondrisch besetzt und zum autistoiden Objekt wird. So schützt es sich vor Unintegriertheit und Zerfall. Zwischen dem hypochondrisch besetzten Organ, dem Ich und dem Introjekt entfaltet sich eine autistoide Dynamik.

Geschlechtsängste und Geschlechtsdysphorie

Dr. med. Wilhelm F. Preuss

Überlegungen zur Entwicklung der individuellen Geschlechtsidentität

Dr. med. Wilhelm F. Preuss

Sexualängste in ödipalen Konstellationen bis hin zu sexuellen  Versagensängsten lassen sich nicht allein mit Gefahren erklären, die dem
begehrten Objekt zugeschrieben werden. Sexualängste können auch durch Geschlechtsunsicherheit ausgelöst werden, die sich in der Pubertät und der Adoleszenz ganz unterschiedlich zeigt und psychopathologische Formen annehmen kann. Geschlechtliches Unbehagen, Geschlechtsdysphorie, Geschlechtsidentitätsverwirrung und Verunsicherungen hinsichtlich der sexuellen Orientierung finden sich im Verlauf der Pubertät mehr oder weniger bei allen Jugendlichen: bei heterosexuellen, homosexuellen, bisexuellen und transidentischen Mädchen und Jungen sowie bei „non-binären“ jungen Menschen. Geschlechtsidentitätsunsicherheit kann auch als notwendiges Durchgangsstadium der psychosexuellen Entwicklung begriffen werden. Die Aneignung und Besetzung des eigenen Geschlechtskörpers kann nur gelingen, wenn dieser stimmig zum subjektiven Geschlechtsidentitätsgefühl empfunden wird. Diese Überlegungen sollen kasuistisch an der Psychotherapie eines Trans-Mannes und einer „non-binären“ Person, beide Anfang 20, erläutert werden. In beiden Fällen spiegelt sich die Auflehnung junger Leute gegen  heteronormative Geschlechtsrollenerwartungen wider.

Angst und Alter

Prof. Dr. med. Reinhard Lindner

Angst und Alter

Prof. Dr. med. Reinhard Lindner

Angst ist eine menschliche Reaktion auf bedrohliche Erfahrungen. Mit dem Blick auf das Alter werden spezifische Ursachen der Angst deutlich:  Unerträgliche, meist bereits im Leben erlebte Affektzustände und Erfahrungen von Zerstörung, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verlust. Mit den verschiedenen Formen der Angst werden sie zum Ausdruck und zugleich in einen scheinbar erträglichen Zustand gebracht. Dies geschieht allerdings um den Preis größerer Einschränkungen im aktuellen Leben. Anhand der Beispiele der Sturzangst, der Demenzangst und der Ängste vor dem Lebensende, die bis zum Wunsch nach assistiertem Suizid führen, werden spezifische Ängste vor dem und im Alter auf die Frage hin untersucht, wie wir ihnen begegnen können und unseren Patientinnen und Patienten bei ihrer Bewältigung helfen können.

Angst als ein Mechanismus von Radikalisierung

Dr. rer. nat. Klaus Michael Reininger

Psychodynamische Interventionsmöglichkeiten bei  Radikalisierungstendenzen

Dr. rer. nat. Klaus Michael Reininger

Der Vortrag setzt sich mit experimentellen und korrelativen Studien auseinander, bei denen einerseits Angst und Wut, andererseits Überkonfidenz
sowie separatistische Identifikationen eine vermittelnde Rolle bei Radikalisierungstendenzen spielen können. Die genannten affektiven,  kognitiven und identifikationsbasierten Mechanismen werden im Vortrag mit Kohuts „Überlegungen zum Narzißmus und zur narzißtischen Wut“ (1974)  begründet, eingeordnet und einer empirischen Testung unterzogen.

Weiterhin werden psychodynamische Interventionsmöglichkeiten zur  Deradikalisierung oder Radikalisierungsprävention besprochen: affektive und kognitive Mentalisierung als Regulationsmöglichkeiten antisozialer Verhaltenstendenzen. Hierbei werden einerseits experimentelle Befunde sowie Ergebnisse der Mitte-Studie 2021 vorgestellt, bei denen  Mentalisierung als Kompetenz vor antidemokratischem Denken, Fühlen und Handeln schützt.

Final soll die Rolle von Angst sowie Wut und mentalisierungsbezogenen
Kompetenzen als Auftrag für die psychotherapeutische Praxis besprochen werden und die Wirkungen psychodynamischer Arbeit auf die psychische Gesundheit der Patientinnen und Patienten aber auch auf unser  gesellschaftliches, demokratisches Zusammensein angedeutet werden.