Allgemeine Vorbemerkung

Wenn von einer Blinddarmentzündung gesprochen wird, ist nicht der eigentliche Blinddarm (kurzes Dickdarmsegment im Übergangsbereich zwischen Dünn- und Dickdarm) von der Entzündung betroffen, sondern der daran anhängende Wurmfortsatz. Dieser liegt anatomisch im rechten Unterbauch und hängt dem aufsteigenden Anteil des Dickdarms an.  Der Wurmfortsatz ist etwa sieben Zentimeter lang und hat ungefähr einen Zentimeter im Durchmesser. Die Funktion des Wurmfortsatzes ist nicht eindeutig geklärt. Glaubte man früher, dass er ein funktionsloses Überbleibsel aus der Evolution sei, so gibt es heute Hinweise darauf, dass er eine gewisse Rolle in der Abwehr von bakterieller Fehlbesiedlung des Darms haben könnte. Er liegt an der Schnittstelle zwischen dem keimarmen Dünn- und dem keimreichen Dickdarm und weist in der Regel reichlich lymphatisches Gewebe auf. Genauere Erkenntnisse zur Funktion liegen allerdings nicht vor. Da bei sehr vielen Menschen der Wurmfortsatz wegen einer Entzündung entfernt werden muss und diesen Menschen im weiteren Verlauf ihres Lebens nicht häufiger an Darmentzündungen erkranken, scheint der Wurmfortsatz in der Infektionsabwehr jedoch eher von untergeordneter Bedeutung zu sein.  Bekannt ist aber, dass bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gehäuft in der Jugend der Wurmfortsatz entfernt wurde, wobei allerdings fraglich ist, ob dies Ursache oder bereits Auswirkung solch einer Entzündung ist.

Genau wie der Dünn- und Dickdarm hat auch der Wurmfortsatz einen kleinen inneren Kanal (med. Lumen), der blind endet. Hier können sich kleine Stuhlreste und Krankheitserreger festsetzen. Dann kommt es zu einer Entzündung des Wurmfortsatzes (med. Appendizitis), die unter Umständen sehr ausgeprägt ist. Durch die Entzündung kann der Wurmfortsatz auch platzen, wodurch es zum Übertritt von Krankheitserregen und Stuhlanteilen in die freie Bauchhöhle kommt (med. Perforation). Eine Bauchfellentzündung entsteht, welche möglicherweise lebensbedrohlich ist.

Die  Appendizitis ist eine häufige Erkrankung. In Deutschland werden jedes Jahr etwa 140.000 Patienten wegen einer Appendizitis operiert. Beim männlichen Geschlecht erkranken die Patienten meist zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr, beim weiblichen Geschlecht zwischen dem 15. und 19 Lebensjahr. Das bedeutet jedoch nicht, dass auch ältere Menschen an einer Appendizitis erkranken können. Das Risiko im Verlaufe seines Lebens eine Appendizitis zu bekommen beträgt ungefähr 7 %.

Symptome

Das häufigste Symptom (Anzeichen) einer Appendizitis ist der Bauchschmerz. Häufig beginnt der Schmerz in der Magengegend oder um den Nabel herum, und wandert dann innerhalb von Stunden in den rechten Unterbauch. Der Schmerzcharakter kann krampfartig aber auch dauerhaft sein. Mit den Bauchschmerzen einhergehend sind häufig Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen. Seltener sind Durchfälle oder Verstopfung. Oft tritt auch Fieber auf.

Diagnostik

Die Diagnose einer Appendizitis stützt sich neben der Befragung im Wesentlichen auf drei Untersuchungen. Am wichtigsten ist die klinische Untersuchung des rechten Unterbauches. Ist hier ein heftigerer Schmerz beim Drücken auf den Unterbauch vorhanden, spricht dies sehr häufig für das Vorliegen einer Appendizitis. Wichtig ist auch eine Laboruntersuchung des Blutes. Hier fällt meist eine Erhöhung der Entzündungswerte auf (erhöhte weiße Blutkörperchen und des sog. C-reaktiven Proteins). Im Ultraschall (med. Sonographie) kann man in manchen Fällen einen verdickten Wurmfortsatz mit einem Flüssigkeitssaum feststellen. Bei unklarem Befund wird zusätzlich eine Urinuntersuchung und bei Frauen eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt, um andere Erkrankungen auszuschließen, die ebenfalls rechtsseitige Unterbauchschmerzen verursachen können. Im Zweifelsfall sollte eine Bauchspiegelung erfolgen, da nur hierdurch eine Appendizitis sicher festgestellt oder ausgeschlossen werden kann.


Therapie

Eine Appendizitis kann nur durch eine Operation geheilt werden. Diese muss zeitnah erfolgen. Die Standardoperation in unserer Klinik ist die Entfernung des Wurmfortsatzes in der so genannten Schlüssellochtechnik (med. minimalinvasive oder laparoskopische Appendektomie). Dazu erfolgen ein ca. 1-1,5 cm langer Schnitt unterhalb des Nabels und zwei weitere kleinere Schnitte im rechten und linken Unterbauch unterhalb der Bikinigrenze. Über diese Schnitte werden Hülsen durch die Bauchdecke in die Bauchhöhle eingeführt, die als Arbeitskanäle für eine Videokamera und die medizinischen Instrumente dienen. Das Kamerabild wird auf einen Monitor übertragen. Die Bauchhöhle wird mit einem speziellen Gas aufgefüllt, sodass der Operateur einen guten Überblick über die Bauchorgane hat. Der Wurmfortsatz wird aufgesucht, freipräpariert entfernt. Die Operation dauert etwa 20 bis 30 Minuten. Nur bei ausgeprägt schwierigen Verhältnissen ist heute noch eine herkömmliche Operation mit Bauchschnitt erforderlich.


Nach der Operation

Nach der Operation ist meist ein Krankenhausaufenthalt von zwei Tagen notwendig. Vor der Entlassung werden nochmals eine Blutentnahme und meist eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Wenn diese Untersuchungen keine Auffälligkeiten ergeben, steht der Entlassung aus dem Krankenhaus nichts mehr im Wege.War der Wurmfortsatz sehr stark entzündet, verlängert sich der Aufenthalt eventuell um wenige Tage, da ggf. ein Fortführen der Antibiotikatherapie notwendig ist.  Der Hautfaden ist in den meisten Fällen resorbierbar und muss nicht gezogen werden. Arbeitsunfähigkeit besteht für etwa sieben bis zehn Tage.