Für die vollständige Teilnahme an der Tagung erhalten Sie insgesamt 12 Fortbildungspunkte.

Entfremdungen

Prof. Dr. med. Dr. phil. Rolf-Peter Warsitz

Entfremdungen
Individuelle und gesellschaftliche Spaltungsprozesse angesichts aktueller Krisen

Prof. Dr. med. Dr. phil. Rolf-Peter Warsitz

Prof. i.R. an der Universität Kassel

Zunächst die Flüchtlingskrise und dann die Corona- Krise haben uns gelehrt,  daß sich krisenhafte kulturellen Entwicklungen nicht allein aus den Phänomenen erklären, die die Krise auslösen, sondern auch aus Spaltungsprozessen unserer individuellen und sozialpsychologisch- kulturellen Struktur. Das Fremde, das Andere, das scheinbar von außen auf uns kommt und uns bedroht, ist auch das in den Anderen projizierte und insofern entfremdete Eigene: ‚Fremde sind wir uns selbst‘ (J. Kristeva).  Psychotherapeutisch und kulturell können wir die Krise nur bewältigen, wenn wir das Eigene im Anderen anzuerkennen bereit sind und so die Spaltungsdynamik zurücknehmen.

Aggression und Todestrieb

Dr. med. Dipl. Sozwirt. Christian Foth

Aggression und Todestrieb
Mors certa, hora incerta – Der Tod ist gewiss. Die letzte Stunde bleibt verborgen

Dr. med. Dipl. Sozwirt. Christian Foth

Arzt f. Psychosomat. Medizin, Psychoanalyse. Hamburg

Es war und ist eine große Debatte um die Ursachen menschlicher Aggression und keine Schrift Freuds hat so viele kontroverse Diskussionen hervorgerufen, wie die Schrift "Jenseits vom Lustprinzip". Die polarisierende Vereinfachung in diesen Diskussionen, die Reduzierung auf ein Entweder-Oder, die Begründung der menschlichen Destruktivität in der Ursache eines Todestriebes, das Außerachtlassen aller einander wechselseitig bedingenden Faktoren, das Tolerieren der Komplexität von Leben, Todestrieb, Tod und Sterben: eine Annäherung an diese Thematik soll Inhalt des Vortrages sein.

Spaltung bei dissozialen Persönlichkeiten

Prof. emer. Dr. phil. Udo Rauchfleisch

Spaltung bei dissozialen Persönlichkeiten
Die Bedeutung der Spaltung bei dissozialen/antisozialen Persönlichkeiten

Prof. emer. Dr. phil. Udo Rauchfleisch

Psychotherapeut in privater Praxis, Basel

In der Entwicklung und im Verhalten von Menschen mit dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörungen spielt der Mechanismus der Spaltung eine zentrale Rolle. Im Vortrag wird dargestellt, warum dieser Abwehrmechanismus für die Persönlichkeitsintegration dieser Menschen so wichtig ist und wie in der Psychotherapie mit Spaltungsphänomenen umgegangen werden kann.

Psychotherapie im Irak – (wie) kann das gehen?

PD Dr. med. Carola Bindt

Erfahrungen mit einem Ausbildungsprojekt im Krieg.

PD Dr. med. Carola Bindt

Klinikdirektorin (komm.), Zentrum für Psychosoziale Medizin, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -Psychotherapie und -Psychosomatik, UKE, Hamburg

Die interkulturelle Adaptation von westlichen psychotherapeutischen Methoden ist eine allseitig fordernde Aufgabe. Im "Curriculum Middle East“  werden in verschiedenen Regionen des Irak tätige Ärzt*innen und Psycholog*innen in der Psychiatrie und Psychotherapie für Kinder und Jugendliche ausgebildet. Ziele sind die Vermittlung einer entwicklungsbezogenen, psychodynamischen Sicht auf verhaltensauffällige, psychisch belastete oder erkrankte Minderjährige und ihre Familien und die Etablierung der "sprechenden Medizin“  in einer Region, die generationsübergreifend von Krieg und Terror gezeichnet und noch längst nicht befriedet ist. Im Vortrag wird berichtet, wie das Zusammentreffen der irakischen Kolleg*innen untereinander und mit den deutschen Dozent*innen gestaltet wird und wie sich die Kooperation im Verlauf entwickelt. Zudem wird fallgeleitet dargestellt, wie es gelingen kann, kulturübergreifend zu einer gemeinsamen Haltung und Sprache im Umgang mit klinischen Situationen zu finden - und welche Hindernisse sich dabei auftun.

Spaltungen im Ich und in der Gesellschaft

Prof. Dr. phil. Angela Morè

Spaltungen im Ich und in der Gesellschaft
durch transgenerationale Schuldweitergabe

Prof. Dr. phil. Angela Morè

Sozialpsychologin, Gruppenanalytikerin, Professorin am Institut für Soziologie, Leibnitz-Universität, Hannover

Spaltung kommt häufig zum Tragen bei der Verleugnung und Abwehr von Schuld durch Rechtfertigungen, Lügen und die Verkehrung der Täter-Opfer-Perspektive. Bei den Nachkommen derjenigen, die sich der Verantwortung für Vergehen oder Mitschuld entziehen, kann dies zu starken psychischen Belastungen führen. Diese zeigen sich u.a. in (unbewusster) Schuldübernahme, in Selbstzweifeln, Scham oder Depressionen und selbstschädigendem Verhalten. In ihren Lebensentwürfen fühlen sich viele Nachkommen zu besonderem sozialem Engagement gedrängt, zu Wiedergutmachungsleistungen und hoher Opferbereitschaft. Andere setzen die Verleugnungstradition mit Projektionen und dem Wiederbeleben von Feindbildern und Vorurteilen fort und delegieren dadurch die Reintegration an die nächste(n) Generation(en). Dahinter verbirgt sich eine tiefe innere Zerrissenheit, die, auch zu Spaltungsprozessen in der Gesellschaft führt. Diese psychischen und soziokulturellen Dynamiken und Folgen  besser zu verstehen soll das Hauptanliegen des Vortrags und Seminars sein.

Eine Zerreißprobe für Individuum und Gesellschaft

Prof. Dr. habil. Hans-Jürgen Wirth

Eine Zerreißprobe für Individuum und Gesellschaft
Überlegungen der psychoanalytischen Sozialpsychologie zur Corona-Pandemie

Prof. Dr. habil. Hans-Jürgen Wirth

Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis, Gießen

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Weltwirtschaft einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt, sondern auch den privaten und den beruflichen Alltag jedes Einzelnen tiefgreifend verändert. Das gilt besonders für Berufe, wie Pädagogik und Psychotherapie, in denen die direkte persönliche Beziehung essentiell ist. Seit Erik Erikson wissen wir, dass jede Krise sowohl eine Gefahr darstellt, als auch die Chance zur Neuorientierung beinhaltet. Welche sozialpsychologischen Auswirkungen hat die Corona-Krise auf unser Menschen- und unser Weltbild? Wie sehen wir unser Verhältnis zur Natur? Wie beeinflusst sie die internationalen Beziehungen? Verstärkt sie destruktive und selbstdestruktive Prozesse? Wie verändert sich unser alltäglicher Umgang miteinander? Werden wir distanzierter, ängstlicher, hypochondrischer, gar paronoider? Die Pandemie stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Die Psychoanalyse hat die Aufgabe, diese Prozesse reflexiv und selbstreflexiv zu begleiten und so unsere Handlungsoptionen zu erweitern.