Die Hauptvorträge finden Montag bis Freitag jeweils 09.30 bis 11.00 Uhr statt.

Alle Vorträge (auch der Abendvortrag) sind im Grundbetrag von 350,- € enthalten.

Für die vollständige Teilnahme erhalten Sie insgesamt 10 Fortbildungspunkte.


Hauptvortrag am Montag, 10. Juni Körper und Sprache Sinn und Nicht-Sinn körperbezogener psychischer Leiden Prof. Dr. Joachim Küchenhoff

Psychoanalytiker, Psychiater, Hochschullehrer, Basel

Das Verhältnis von Leib und Sprache ist eine Grundfrage der psychosomatischen Medizin. Wenn ein Zusammenhang zwischen seelischem Erleben und körperlichem Leiden angenommen wird, dann stellt sich die Frage, ob der erkrankte Körper etwas zu sagen hat, ob im Symptom etwas zum Ausdruck kommt, das sich vielleicht nur so artikulieren kann. Ein biologischer Prozess lässt sich nicht einfach in Sinn überführen. Und doch ist es für den Patienten entscheidend, dass er sich selbst verstehen kann, nicht nur einer Krankheit ausgeliefert ist, sondern weiß, ob sie Sinn macht und durch Psychotherapie überwunden werden kann. Der Vortrag behandelt den erlebten Körper und das Körperbild. Meine These lautet: Das Körperbild entsteht zwischenmenschlich, und es ist auf den Anderen hin orientiert. Es lässt sich daher auch durch den Anderen entschlüsseln. Der Körper ist insoweit Sprache, wie er Körper-in-Verbindung-mit anderen ist. Diese These will ich im ersten Teil aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive begründen, im zweiten Teil durch eine kurze Analyse des alltäglichen Körpererlebens.
Ich will dann auf die Klinik eingehen und im dritten Teil zunächst fragen, wie sich das psychosomatische Leiden aus der leiblichen Interaktion erschließen lassen könnte, um abschließend in einer kurzen Systematik zum Verständnis körperlicher Symptome die Chancen aufzeigen, die sich vor dem Hintergrund eines zwischenmenschlichen Verständnisses von Körperlichkeit für das Verstehen des Körpers ergeben

Hauptvortrag am Dienstag, 11. Juni Die Zukunft der somatoformen Störungen Konzepte, Diagnostik und Behandlung Prof. Dr. med. Peter Henningsen

Klinikdirektor Psychosomatische Medizin, TU München

Das Problem der klassischen Diagnostik somatoformer Störungen lag auf einem einseitigen Blick auf Körperbeschwerden unter Vernachlässigung psychobehavioraler Charakteristika. Die somatoforme Störung stellte eine negative körperliche Ausschlussdiagnose dar. Im ersten Teildes Vortrags wird ein modernes Verständnis funktioneller Körperbeschwerden als Wahrnehmungsstörung und Ausdruck einer Störung des verkörperten Selbst vorgestellt.
Der zweite Teil geht auf die sich wandelnde Klassifikation in ICD-11 und DSM-5 ein und auf relevante Aspekte der Diagnostik. Diese betonen besondere Belastungen, Ängste und Überzeugungen über Körperbeschwerden. Körperliche Symptomcluster, z.B.  imantidualistischen pathogenetischen Konzept des „bodily distress“ spielen eine zentrale Rolle. Abschließend werden Behandlungsprinzipien auf den verschiedenen Versorgungsebenen vorgestellt. Dabei wird auf die neu überarbeiteten AWMF-Leitlinien zu funktionellen Körperbeschwerden Bezug genommen.

Hauptvortrag am Mittwoch, 12. Juni Integrierte resonanzfokussierte gynäkologische Psychosomatik Ich-Erleben angesichts innerpsychischer Integration von Entwicklungen und Veränderungen des weiblichen Körpers Dr. med. Sophia Holthausen-Markou

Leitung Gynäkologische Psychosomatik, Medizinische Hochschule Hannover

Der weibliche Körper in Potenz, Entwicklungen und Begrenzungen hat nicht zuletzt unter Einfluss der Hormone entscheidenden Einfluss auf weibliches Identitätserleben, Ausprägung und Wahrnehmung des Ichs. Besonders deutlich wird dies in Schwellensituationen wie Schwangerschaft, Geburt und Klimakterium. Auch unerfüllter Kinderwunsch und (Krebs-)Erkrankungen mit optionalen oder dringend indizierten Therapien, wie vor allem Operationen, Hormon-, Chemo- oder Strahlentherapien, haben oft erhebliche Veränderungen zur Folge, sowohl psychosomatisch als auch im individuellen Beziehungskontext. Anhand von Kasuistiken veranschauliche ich, wie eine psychodynamische Herangehensweise vor dem Hintergrund von fachlicher Expertise für Gynäkologie und Geburtshilfe gelingt. Das Setting kann sich dabei im Verlauf der Behandlung ändern. Technisch-therapeutisch werden ressourcenorientierten und achtsamkeitsbasierte Aspekte aufgegriffen, um entwicklungsfördernde Impulse zu setzen. Im psychotherapeutischen Augenmerk sind dabei Resonanzentwicklungen zwischen Soma und Psyche, „Ich und Du“ und innerhalb komplexer Beziehungsstrukturen, wie dem multiprofessionellen Team.

Hauptvortrag am Donnerstag, 13. Juni Mein Körper, meine Moleküle, meine Mikroben Neues aus der psychosomatischen Grundlagenforschung Prof. Dr. med. Christoph Herrmann-Lingen

Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Göttingen

Der „rätselhafte Sprung vom Seelischen ins Körperliche“ (Freud) hat in den vergangenen Jahrzehnten intensive Forschungsanstrengungen stimuliert, die uns leib-seelische Beziehungen, auch biologisch, immer besser verstehen lassen. Während psychoneuroendokrinologische und -immunologische Befunde sowie neurobiologische Erkenntnisse aus der funktionellen Hirnbildgebung bereits breiten Eingang in psycho-somatische Lehrbücher gefunden haben, werden derzeit neuere Konzepte intensiv
diskutiert. Dabei bestätigen aktuelle Befunde der Epigenetik und der Forschung zu Wechselbeziehungen zwischen Mikrobiom und Wirtsorganismus in bemerkenswerter Weise alte und durch die Mainstream-Medizin lange belächelte Erkenntnisse aus der psychotherapeutischen Theorie und Erfahrung, etwa von der prägenden Rolle früher Lebenserfahrungen. Aber auch Befunde z.B. zur therapeutischen Nutzung des „cholinergen antiinflammatorischen Reflexes“ könnten etwa in der Behandlung chronischer Schmerzsyndrome oder entzündlich-rheumatischer Erkrankungen Bedeutung gewinnen.

Hauptvortrag am Freitag, 14. Juni Der Körper im Alter Dipl.-Psych. Christiane Schrader

Psychoanalytikerin (DPV, IPV, DGPT) in eigener Praxis,
Mitbetreiberin des Instituts für Alterspsychotherapie und Angewandte Gerontologie, Marburg

Die Entwicklung im Alter zeigt, dass Freuds Diktum, dass unser „Ich vor allem ein körperliches“ ist, keineswegs nur auf unsere frühe Lebenszeit zutrifft (1923b, S. 253). In späten Lebensphasen wird vielmehr deutlich, dass die tragende Funktion des Körpers, die im Alter zunehmend in den Vordergrund tritt, lebenslang essenziell ist, aber in der Jugend und im Erwachsenenalter eher verleugnet werden kann, solange der Körper als stillschweigender Begleiter und Erfüllungsgehilfe unseres Begehrens, unserer Leidenschaften, unseres Denkens und unserer Taten fungiert. Ich stelle in meinem Vortrag nicht die somatischen Veränderungen im Alter ins Zentrum, sondern solche Konzepte, die die psychosomatische und somatopsychische Integration des Körpers samt seiner Prozesse und Veränderungen verstehbar machen können. Daher konzentriere ich mich auf das Körperbild und die Körperbiographie sowie die intrapsychischen und intersubjektiven dynamischen Prozesse, die gerade im Alter unsere besondere Aufmerksamkeit erfordern.