Melodien streichen fröhlich-melancholisch an der Hausfassade entlang hinauf in einen makellosen Himmel. Türen quietschen, neugierig beugen sich Blicke über die Geländer der Balkone. Im Wirtschaftshof des Albertinen Hauses dreht Harry an der Kurbel, entlockt den Pfeifen seiner Drehorgel ihren unnachahmlichen Klang. Nach den Türen gehen Herzen auf.

Abwechslung im "neuen" Alltag

Ein Aushang hatte den Musikanten angekündigt, doch wer in Corona-Zeiten die empfohlenen Maßnahmen beherzigt, den führt kein Weg am Schwarzen Brett im Hausflur vorbei. So hält dieser Nachmittag nun eine gelungene Überraschung bereit. Die Corona-Pandemie zwinge zu neuen Verhaltensweisen, hatte Harry geschrieben. Alle sollen möglichst zu Hause bleiben und Kontakte auf ein Minimum beschränken. Das sei richtig und wichtig. Doch auf Dauer könne das Gemeinschaftsleben fehlen und immer allein in der Wohnung sei ja vielleicht auch irgendwann nicht mehr spannend. „Ich hoffe, dass ich Ihnen mit meiner Drehorgelmusik Freude bereiten und Abwechslung in Ihren ‚neuen‘ Alltag bringen kann.“ Damit hatte Harry nicht zu viel versprochen!

Musik wie ein Zeitsprung

Seine Auftritte an drei durchsonnten Nachmittagen – jeder in einem anderen Innenhof des Albertinen Hauses – kommen großartig an. Anfangs noch zaghaft, doch schließlich immer ausgelassener stimmt das Publikum in die bekannten Volks- und Stimmungslieder ein. Mit A-nne-liese und Ro-sa-munde geht es atemlos durch die Nacht. Geduldig wartet man auf ein Schiff, das kommen und den Liebsten mitbringen wird, denn: Wir gehören zusammen wie der Wind und das Meer. An de Eck steiht 'n Jung mit 'n Tüddelband – vielleicht steht er Schmiere? – jo, jo, jo, klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun, ruck zuck övern Zaun… Für so manchen ist die Musik wie ein Zeitsprung. Unvermittelt tauchen Erinnerungen auf – an Kindertage auf dem Jahrmarkt, an den „Leierkastenmann“ in der Nachkriegszeit… Schon bald kommen Bewohnerinnen und Bewohner in den Hof, um frische Luft zu schnappen. Getreu dem Motto „Mit Musik geht alles besser“ absolvieren Seniorinnen gymnastische Übungen und achten dabei penibel auf den geforderten Mindestabstand. Es wird getanzt, gelacht, gefilmt. Für diesen Moment scheint Corona fast vergessen.

„Ich habe mich gefragt, was die Leute den ganzen Tag machen, wenn sie nicht nach draußen gehen können“, erklärt Harry den Ursprung seiner Idee.  

Der geborene Drehorgelspieler

Harry alias Harald Reinhard ist im Albertinen Haus kein Unbekannter. Von 2003 bis 2010 war er Leiter der Wohn-Pflegeeinrichtung und des Max Herz-Hauses, das 2004 als Bundesmodelleinrichtung für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen am Albertinen Haus eröffnet wurde.

Wie er zu seiner Drehorgel kam? 2008 hatte man für das Sommerfest im Wohn-Pflegebereich den Drehorgelspieler Wolfi engagiert. Schon als Junge hatte ihn das Instrument fasziniert, nun durfte Harald Reinhard selbst einmal drehen. „Du bist der geborene Drehorgelspieler“ – das Lob aus berufenem Munde ließ ihn nicht mehr los. Seit 2010 ist Harald Reinhard stolzer Besitzer einer exklusiven Hofbauer-Drehorgel und spielt zu den verschiedensten Anlässen auf.    

Und die Musikrichtung? „Querbeet.“ Von Küchenliedern über Klassik, Evergreens, Rock’ n Roll und Tango bis hin zu Gospel, Chorälen und Weihnachtsliedern – insgesamt 550 Titel hat Harry auf seiner Drehorgel: „Ich spiele sie alle und ich liebe sie alle!“ 

Im Wirtschaftshof dreht Harry an der Kurbel, entlockt den Pfeifen seiner Drehorgel ihren unnachahmlichen Klang.
Mit Herz und Stimme dabei: Monika Luck, waschechte Hamburger Deern aus Schnelsen
Anfangs noch zaghaft, doch schließlich immer ausgelassener stimmt das Publikum in die bekannten Volks- und Stimmungslieder ein.
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